Verliert man durch Angst das Vertrauen in sich selbst?

Verliert man durch Angst das Vertrauen in sich selbst?

Warum wir glauben, mit der Angststörung das Vertrauen zu verlieren?

Nach 20 Jahren mit der Angststörung und Panikattacken weiß ich, dass das Spuren hinterlässt. Angst und Panik, mit all den Symptomen und dann diese Phase der Erschöpfung.

Dann diese Frage: Warum reagiert mein Körper so heftig? Warum konnte ich das nicht kontrollieren? Und dann dieser Zweifel in sich selbst. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Zuverlässigkeit des Körpers ist beschädigt. Man zweifelt an der eigenen Belastbarkeit und der Alltag fühlt sich nicht mehr sicher an. Das Gefühl, den eigenen Reaktionen machtlos ausgeliefert zu sein, blockiert das normale Leben. Das alles verändert uns.

Warum das Vertrauen nicht mehr da ist

Zu Beginn der Angststörung ist es noch möglich, die täglichen Aufgaben zu bewältigen. Ob Einkäufe, Menschen treffen, den Job erledigen. Es ist ein selbstverständliches Funktionieren, das die Grundlage unseres Lebens ist. Es läuft einfach. Durch wiederkehrende Angstsymptome wird aber genau das gestört. Das Verhalten ändert sich, da eine permanente Selbstüberwachung beginnt. Jedes Herzstolpern, jede Veränderung der Atmung und jeder Schwindel werden sofort registriert und bewertet. Man traut sich selbst nicht mehr zu, eine alltägliche Situation ohne Erschwernis zu überstehen. Dieses dauerhafte Misstrauen gegenüber dem Verhalten des eigenen Körpers führt dazu, dass wir uns selbst nicht mehr vertrauen. Unserem Selbstvertrauen ist die Basis entzogen worden.

Es ist keine persönliche Schwäche

Da täglichen Wege und Aufgaben plötzlich eine enorme Überwindung kosten, folgt oft diese Selbstkritik. Wir schauen auf andere Menschen, die anscheinend mühelos ihren Verpflichtungen nachgehen. Und daraus leiten wir einen Fehlschluss ab. Wir bewerten uns selbst als schwach, feige oder unfähig. Das aber verfälscht die Realität. Ein Nervensystem, das unter akuter Angst steht, arbeitet unter Volllast und verbraucht massiv Energie. Trotz dieser inneren Belastung den Alltag zu organisieren und Aufgaben zu erledigen, ist keine Schwäche. Es ist eine erhebliche Kraftanstrengung.

Was läuft bei uns ab

Der Verlust des Selbstvertrauens resultiert zu einem großen Teil aus einer Fehlinterpretation was bei uns abläuft. In der Angstphase empfinden wir den eigenen Körper wie einen Gegner. Unser Gehirn läuft in einer Art Notfallprogramm. Adrenalin wird ausgeschüttet, der Puls steigt, die Muskeln spannen sich an. Das ist nicht falsch und auch kein Kontrollverlust, sondern eine richtige Reaktion. Aber, das alles läuft ohne wirkliche Gefahr ab. Das Vertrauen leidet, weil dann eine ungefährliche Situation als gefährlich eingestuft wird, und dieser biologische Körperprozess einsetzt.

Ich habe wahrscheinlich tausende solcher Situationen erlebt. Keine Gefahr, mein Körper spulte sein Gefahren-Programm ab. Ich bekam Herzrasen, habe geschwitzt, bekam Schwindel und hat Angst/Panik. Wenn solche Programme dann häufiger ohne Grund aktiviert werden und wir das nicht verstehen, leidet das Vertrauen darunter. Ich habe lange Zeit dadurch das Vertrauen in mich selbst verloren.

Wie neues Vertrauen entsteht

Selbstvertrauen bedeutet nicht, dass man völlig frei von Angst sein muss. Vertrauen entsteht ausschließlich durch konkrete Erfahrungen im Alltag. Es baut sich nicht durch Nachdenken oder Abwarten auf, sondern direkt in der Situation. Jedes Mal, wenn man trotz Schwindel oder Panik im Supermarkt bleibt oder einen Termin wahrnimmt, registriert das Gehirn neue Daten. Es lernt, dass die Angst zwar sehr unangenehm ist, aber keine realen Schäden verursacht.

Für mich war es lange Zeit sehr schwer, längere Strecken mit dem Auto zurückzulegen. Sowohl als Fahrer, als auch als Beifahrer. Also habe ich das vermeiden wollen. Je länger ich in der Vermeidungsrolle blieb, desto schlimmer wurde es. Eines Tages blieb mir nichts anderes übrig, als eine längere Strecke als Beifahrer zurückzulegen. Eine Dienstreise. Vor der Fahrt begann die Angst aufzusteigen. Ich weiß noch, als wir auf die Autobahn auffuhren, wurde es schlimmer und heftiger. Schweiß, Herzrasen, Zittern, Schwindel. Mein Kollege wusste von der Angststörung. Er hielt an, ließ mich zur Ruhe kommen. Ich ging einige Schritte, atmete tief und ruhig ein. Mein Kollege sprach ruhig mit mir. Nach 20 Minuten ging es wieder. Zurück ins Auto. Dann habe ich meine Kopfhörer aufgesetzt, Musik vom Handy abgespielt, die Augen geschlossen. Die Fahrt war nicht unbedingt toll, aber es ging recht gut. Angekommen am Zielort, nach 150 km, war ich ziemlich erschöpft. Das war – ich nenne es mal „Hardcore-Version“ der Konfrontation. Es blieb mir nichts anderes übrig, es war hart – ja, besser wäre die Schritt-für-Schritt-Variante gewesen.

Anschließend habe ich mich schrittweise wieder an das Autofahren gewöhnt. Es ging immer besser. Mein Vertrauen, und auch das Selbstvertrauen wuchs, weil ich wusste „ich kann es“, „ich überlebe es“.

Man übersteht die Situation unbeschadet. Aus dieser wiederholten, nüchternen Erfahrung der eigenen Stabilität baut sich das Vertrauen schrittweise wieder auf.

Handeln verändert das Denken und die Wahrnehmung

Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geht durch eine Angststörung nicht permanent verloren. Es wird von der ständigen Erwartungsangst vor der nächsten Attacke blockiert. Der Weg zurück zu einem normalen Alltag funktioniert nicht über den Versuch, die Angst erst komplett zu besiegen. Die Reihenfolge ist eher umgekehrt: Das Vertrauen kehrt durch das Handeln zurück. Wie zum Beispiel das Autofahren.

Erst kommt die Aktion trotz der Angst/Panik, danach folgt das Gehirn mit dem Gefühl der Sicherheit. Je öfter man den Alltag trotz der Einschränkungen durchzieht, desto schneller begreift das System, dass die Panik keine reale Macht über die Lebensgestaltung besitzt.

Vermeidungsverhalten ist nicht die beste Lösung

Die Phase der Regeneration erfordert Zeit, da das Nervensystem die Reize verstehen und lernen muss. Wenn das Vertrauen beschädigt ist, neigt man dazu, Risiken komplett zu vermeiden. Oder setzt sich selbst auch unter Druck. Vermeidung festigt jedoch die Angst, da das Gehirn keine neuen, positiven Erfahrungen sammeln kann. Jede vermiedene Situation bestätigt die Annahme, dass die Situation gefährlich war und ist. Das Selbstvertrauen sinkt dadurch weiter. Der Ausstieg aus diesem Kreislauf gelingt nur durch die praktische Übung. Man muss die Erfahrung machen. Aber, es gelingt nicht, indem wir uns zu hohe Ziele setzen. Diese Hard-Core-Konfrontation, wie bei mir mit dieser Autofahrt, ist nicht geeignet. Es ging gut, okay. Aber lieber diese Schritt-für-Schritt Variante wählen. Nach und nach positive Erfahrungen sammeln. So können diese guten Erfahrungen unser Denken verändern, wir gewinnen zunehmend Vertrauen.

Was ich heute weiß und durch Erfahrung gelernt habe

Heute weiß ich, dass die Angst mir das Selbstvertrauen nicht wirklich genommen hat. Sie hat es überdeckt.

In den schlimmsten Phasen dachte ich oft, ich sei schwach geworden. Ich glaubte, ich könnte viele Dinge gar nicht mehr. Autofahren, längere Strecken, neue Situationen oder einfach nur spontan etwas unternehmen. Doch rückblickend lag ich damit falsch.

Das Vertrauen kam nicht zurück, weil ich irgendwann keine Angst mehr hatte. Es kam zurück, weil ich trotz der Angst gehandelt habe. Mal erfolgreicher, mal weniger erfolgreich. Manchmal mit Rückschlägen, manchmal mit nur kleinen Erfolgen. Aber genau diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass ich viel belastbarer bin, als die Angst es mir erzählen wollte.

Heute habe ich immer noch nicht in jeder Situation ein hundertprozentiges Gefühl von Sicherheit. Das braucht es auch gar nicht. Ich vertraue inzwischen wieder deutlich mehr darauf, dass ich mit schwierigen Situationen umgehen kann. Nicht weil die Angst verschwunden ist, sondern weil ich gelernt habe, dass ich stärker bin als viele meiner Befürchtungen. Und ich weiß, ich kann mehr als ich mir lange eingeredet habe.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Selbstvertrauen entsteht nicht dadurch, dass wir keine Angst mehr haben. Es entsteht dadurch, dass wir erfahren, dass wir trotz der Angst weitergehen können. Und, dass wir uns selbst und unserem Leben vertrauen können.

Kannst du trotz deiner Angst ein glückliches Leben führen? Ja!

Hab Hoffnung und Mut, vertraue dir – trotz dieser Angst!

Je älter ich wurde, umso mehr habe ich über das Leben nachgedacht. Manchmal habe ich mich über die Fehler geärgert. Ein anderes Mal konnte ich nicht verstehen, dass ich mich so dumm verhalten habe. Aber genau das kann wieder diese Angst verstärken. Unsere Lebenszeit ist endlich, das sollte wir bedenken. Deshalb ist es so wichtig im Hier und Jetzt zu leben, also nicht in der Vergangenheit. Hoffnung und Mut und Zuversicht sind aus meinen Lebenserfahrungen sehr wichtig.

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