Warum habe ich durch die Angst mein Selbstvertrauen verloren?

Wenn die Angst anfängt, an uns zu nagen
Früher habe ich mir über mein Selbstvertrauen kaum Gedanken gemacht. Ich bin einkaufen gegangen, habe Termine wahrgenommen, mich mit Menschen getroffen oder bin einfach ins Auto gestiegen und losgefahren. Das alles war selbstverständlich. Ich habe meinem Körper vertraut und meinen Entscheidungen ebenfalls. Erst durch die Angststörung habe ich gemerkt, wie wichtig dieses Vertrauen eigentlich ist.
Okay, ich war nie der selbstbewusste und selbstsichere Typ. Da liegen die Wurzeln in meiner Kindheit, unter anderem, weil ich von meinen Eltern nie so in meinem Verhalten gestärkt worden bin, wie es notwendig gewesen wäre. Meine Eltern haben mir eher vorgelebt, wie man ängstlich ist im Leben, auch weniger selbstsicher ist. Mein Tun wurde nie gelobt, Fehler wurden hervorgehoben. Die Angststörung hat mein Vertrauen noch einmal zusätzlichen Schaden zugefügt.
Angst und Panik – Vertrauen in sich selbst
Nach einer Panikattacke bleibt oft mehr zurück als nur Erschöpfung. Natürlich sind Herzrasen, Schwindel, Zittern oder diese innere Unruhe irgendwann wieder vorbei. Was häufig bleibt, ist die Verunsicherung. Man sitzt da und fragt sich, was da eigentlich gerade passiert ist. Warum hat mein Körper so reagiert? Warum hatte ich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren? Warum konnte ich die Angst nicht einfach stoppen?
Genau an diesem Punkt beginnt bei vielen Menschen der Verlust des Selbstvertrauens. Nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Nach und nach verliert man das Vertrauen in den eigenen Körper, in die eigenen Gedanken und irgendwann auch in die eigene Belastbarkeit. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich plötzlich schwierig an. Man beginnt zu zweifeln. Schaffe ich den Einkauf? Halte ich den Termin durch? Kann ich die Autofahrt bewältigen? Was passiert, wenn die Angst wieder kommt?
Mit der Angststörung wurden sie dann zu ständigen Begleitern, jeden Tag.
Angststörung – wir beobachten unseren Körper ständig
Einer der größten Unterschiede zwischen meinem Leben vor der Angst und meinem Leben während der schlimmsten Angstphasen war die ständige Selbstbeobachtung. Vorher spürte ich auch schon, dass ich unsicher war und meinen Körper beobachtete. Auch zunehmend wurde diese Kontrolle immer stärker und intensiver.
Früher hat mein Herz geschlagen und ich habe nicht darüber nachgedacht, oder wenn mir einmal kurz schwindelig war, habe ich es kaum wahrgenommen. Nach einer kurzen Zeit war es dann wieder vorbei. Heute weiß ich, dass viele Menschen mit Angststörungen jeden kleinen körperlichen Vorgang registrieren. Ein Herzstolpern wird sofort bemerkt. Ein schneller Puls löst Sorgen aus. Ein Druckgefühl in der Brust wird analysiert. Schwindel, Zittern oder innere Unruhe bekommen sofort Aufmerksamkeit. Diese Gedanken bleiben dann.
Irgendwann entsteht dadurch ein seltsames Gefühl. Man lebt nicht mehr einfach, sondern beobachtet sich ständig selbst. Die Aufmerksamkeit richtet sich fast nur noch nach innen. Der Körper wird vom vertrauten Begleiter zum vermeintlichen Problem.
Genau dadurch beginnt das Vertrauen zu bröckeln.
Wenn man seinem eigenen Körper nicht mehr vertraut, wird der Alltag automatisch schwieriger. Man fühlt sich unsicher, obwohl objektiv oft gar keine Gefahr vorhanden ist. Die Angst flüstert einem ständig zu, dass etwas passieren könnte. Und weil die Symptome so echt wirken, glaubt man ihr häufig.
Warum wir uns plötzlich für schwach halten
Ich kenne diesen Gedanken sehr gut. Man schaut andere Menschen an und fragt sich, warum sie all diese Dinge scheinbar mühelos schaffen.
Sie fahren in den Urlaub und sitzen gut gelaunt im Lokal mit anderen zusammen. Die Menschen gehen einkaufen, fahren mit ihrem Auto viele Kilometer. Währenddessen kämpft man selbst vielleicht schon mit dem Gedanken, überhaupt das Haus zu verlassen.
Irgendwann zieht man daraus einen falschen Schluss. Man hält sich für schwach. Für weniger belastbar und für jemanden, der mit dem Leben nicht mehr richtig klarkommt. Genau das habe ich lange geglaubt.
Meine Erfahrung hat mich etwas gelernt: Wer jeden Tag mit Angst lebt und trotzdem weitermacht, ist nicht schwach. Wer trotz Herzrasen einkaufen geht, trotz Schwindel Auto fährt oder trotz Panikattacken arbeiten geht, leistet oft mehr, als andere überhaupt erkennen können.
Das Problem ist nicht fehlende Stärke, sondern dass die Angst unsere Aufmerksamkeit vollständig auf die Symptome lenkt. Dadurch sehen wir nicht mehr, was wir eigentlich jeden Tag leisten.
Mein Körper war nie mein Feind
Lange Zeit hatte ich das Gefühl, mein eigener Körper würde gegen mich arbeiten. Wenn mein Herz raste, bekam ich Angst. Wurde mir schwindelig, bekam ich Angst. In einer Panikattacke dachte ich oft, jetzt stimmt wirklich etwas nicht.
Erst viele Jahre später wurde mir klar, dass mein Körper nie mein Gegner war. Eigentlich hat er immer nur versucht, mich zu schützen.
Das Herz rast nicht, um uns zu schaden. Die Muskeln spannen sich nicht an, um uns fertigzumachen. Die körperlichen Symptome sind Teil eines Alarmsystems, das eigentlich für Gefahrensituationen gedacht ist. Bei einer Angststörung wird dieser Alarm allerdings oft ausgelöst, obwohl keine echte Gefahr vorhanden ist.
Diese Erkenntnis hat bei mir nicht sofort alles verändert. Aber sie hat mir geholfen, meinen Körper anders zu betrachten. Nicht als Feind, sondern als übervorsichtigen Wachmann, der viel zu häufig Alarm schlägt. Je besser ich das verstanden habe, desto leichter wurde es, wieder Vertrauen aufzubauen.
Das Vertrauen kommt nicht durch Nachdenken zurück
Viele Menschen warten darauf, dass sie sich irgendwann wieder sicher fühlen. Ich habe das auch getan. Ich dachte lange Zeit, zuerst müsse die Angst verschwinden. Dann würde das Selbstvertrauen automatisch zurückkommen. So ist es aber nicht.
Das Vertrauen kommt durch Erfahrungen zurück. Es entsteht, wenn man Dinge trotz der Angst tut.
Für mich war das Autofahren ein gutes Beispiel. Irgendwann hatte ich große Probleme mit längeren Fahrten. Alleine der Gedanke daran löste Unruhe aus. Also begann ich zu vermeiden. Kurzfristig fühlte sich das besser an. Langfristig wurde die Angst jedoch immer größer.
Erst als ich wieder gefahren bin, sammelte ich neue Erfahrungen. Anfangs war das unangenehm. Teilweise sogar sehr unangenehm. Trotzdem passierte etwas Wichtiges. Mein Gehirn bekam neue Informationen. Es lernte, dass die Angst zwar da war, die befürchtete Katastrophe aber ausblieb.
Mit jeder Fahrt wurde das Vertrauen ein kleines Stück größer. Nicht über sofort, sondern Schritt für Schritt.
Das Selbstvertrauen ist nicht verschwunden
Heute glaube ich nicht mehr, dass die Angst mein Selbstvertrauen zerstört hat. Sie hat es überdeckt.
Rückblickend erkenne ich aber, dass das Selbstvertrauen die ganze Zeit da war, sonst hätte ich viele Situationen gar nicht bewältigen können.
Selbstvertrauen bedeutet nicht, niemals Angst zu haben. Es bedeutet auch nicht, immer mutig oder stark zu sein. Für mich bedeutet es heute etwas ganz anderes. Es bedeutet zu wissen, dass ich schwierige Situationen aushalten kann, und, dass ich Rückschläge überstehen kann. Trotz der Angst bin ich handlungsfähig.
Vielleicht hast du durch die Angst ebenfalls das Gefühl bekommen, dir selbst nicht mehr vertrauen zu können. Dann möchte ich dir eines sagen: Das Vertrauen ist nicht verschwunden. Es wurde von Sorgen, Panik und Zweifeln überlagert.
Der Weg zurück beginnt nicht an dem Tag, an dem die Angst komplett verschwindet. Er beginnt an dem Tag, an dem du trotz der Angst wieder kleine Schritte gehst. Genau dort wächst das Vertrauen langsam wieder nach. Es gibt nicht den perfekten Weg, auch wird nicht immer alles geradeaus laufen. Vielleicht kommen Rückschlage. Das ist Okay. Wichtig ist es, weiterzugehen. Nicht stehenbleiben, oder aufgeben.
Und irgendwann schaut man zurück und merkt, dass man viel stärker geworden ist, als man es sich während der schlimmsten Angstphasen jemals hätte vorstellen können.

