Gelassenheit – warum das wichtig ist bei einer Angststörung

Gelassenheit und Angststörung
Eine Angststörung ist heftig, stressig und anstrengend. Wer mitten drinsteckt, kennt den Zustand: Der Körper steht unter Dauerfeuer, die Gedanken kreisen ununterbrochen um die nächste Katastrophe und das gesamte Leben fühlt sich an wie ein einziger Kampf. In dieser Situation das Wort „Gelassenheit“ in den Mund zu nehmen, klingt für viele Betroffene wie ein schlechter Witz. Wie soll man gelassen bleiben, wenn das Herz bis zum Hals schlägt, der Schwindel einsetzt und man das Gefühl hat, jeden Moment die Kontrolle zu verlieren?
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kollegen, der von meiner Angststörung wusste. Als ich wieder diese Angst-Phase hatte, meinte er: „Bleib doch ruhig, sei einfach gelassener.“ Aha, dachte ich, der Gute weiß gar nicht wovon er redet. Mir schlug das Herz heftig, hatte Angst und Panik, und ich soll einfach gelassener sein. Oder, wie soll mir das einfach egal sein?
Was ist Gelassenheit überhaupt?
Gelassenheit wird oft mit Gleichgültigkeit oder einer „Mir-doch-egal“-Einstellung verwechselt. Viele denken an einen Zustand, in dem man tiefenentspannt lächelnd durch die Welt geht und sich von nichts berühren lässt. Bei einer Angststörung bedeutet Gelassenheit jedoch etwas völlig anderes.
Hier bedeutet Gelassenheit die bewusste Entscheidung, die eigenen Gefühle und körperlichen Reaktionen nicht mehr zu bewerten. Es ist eine innere Haltung des Zulassens, vielleicht auch der Akzeptanz. Anstatt sofort in den Panikmodus zu schalten, wenn das Herz schneller schlägt, bedeutet Gelassenheit zu sagen: „Ich spüre das jetzt, es fühlt sich extrem unangenehm an, aber ich lasse es einfach da sein.“ Es ist der bewusste Verzicht darauf, die Situation sofort kontrollieren, stoppen oder verändern zu wollen. Gelassenheit ist kein Gefühl der Entspannung, sondern eine Entscheidung mit der Angst für diesen Moment klarzukommen. Ja, sie zu akzeptieren.
Warum Gelassenheit bei Angst so wichtig ist
Der Hauptgrund, warum Gelassenheit bei einer Angststörung der entscheidende Hebel ist, liegt in unserem Nervensystem begründet. Angst lebt von der Aufmerksamkeit. Sobald sich die ersten körperlichen Symptome bemerkbar machen, schaltet der Verstand normalerweise auf Alarm. Die automatische Reaktion lautet: „Das darf jetzt nicht passieren! Ich muss das sofort stoppen!“
Dieser Kampf gegen die Angst ist genau das, was die Angst wiederum füttert. Das Gehirn registriert deinen Widerstand, deine Panik und deine Wut über die Situation. Es zieht daraus den Schluss, dass tatsächlich eine lebensbedrohliche Gefahr vorliegt, und schüttet noch mehr Stresshormone aus. Der Kampf gegen die Angst sorgt also dafür, dass die Angst wächst.
Gelassenheit und Akzeptanz unterbricht diesen Teufelskreis. Wenn du der Angst mit einer Nüchternheit begegnest und sie akzeptierst, bekommt dein Gehirn kein neues Futter. Das Nervensystem registriert, dass trotz des Alarms keine Gegenwehr und keine Flucht stattfinden. Da keine neuen Alarmsignale gesendet werden, flacht die Panik schneller ab. Gelassenheit entzieht der Angst schlichtweg die Existenzgrundlage.
Den Fokus vom Körper weg
Ein typisches Merkmal einer Angststörung ist die extreme Selbstbeobachtung. Betroffene werden zu Profis darin, ihren eigenen Körper ununterbrochen zu scannen. Jedes noch so kleine Stolpern des Herzens, jede minimale Veränderung der Atmung und jedes Gefühl von Benommenheit werden sofort registriert und als Bedrohung interpretiert. Diese Dauerüberwachung hält das Nervensystem in einer permanenten Alarmbereitschaft.
Gelassenheit hilft dabei, diesen Fokus wieder zu verschieben. Wenn du akzeptierst, dass dein Körper durch die Angst im Moment einfach sensibler reagiert und dass diese Symptome zwar lästig, aber ungefährlich sind, verliert das ständige Scannen seinen Sinn. Du musst nicht mehr jede Sekunde prüfen, ob alles in Ordnung ist, weil du dich vorher schon darauf geeinigt hast, dass es im Moment eben nicht perfekt sein muss. Das gibt dem Kopf die Freiheit, den Blick wieder nach außen zu richten – auf die Umgebung, auf das Gespräch mit einem anderen Menschen oder auf die Aufgabe, die gerade vor dir liegt. Die Symptome dürfen im Hintergrund lärmen, während du im Vordergrund einfach weitermachst.
Die Angst vor der Angst verlieren
Die größte Einschränkung im Leben mit einer Angststörung ist oft gar nicht die eigentliche Panikattacke, sondern die ständige Furcht vor dem nächsten Mal. Diese Erwartungsangst führt dazu, dass das Leben immer mehr eingeschränkt wird. Man meidet bestimmte Orte, geht nicht mehr einkaufen oder bleibt am liebsten nur noch zu Hause. Das Leben wird von der Frage dominiert: „Was ist, wenn es wieder passiert?“
Mit einer gelasseneren Einstellung verliert diese Frage ihren Schrecken. Die Antwort lautet dann nämlich nicht mehr: „Wenn es wieder passiert, ist das der absolute Weltuntergang“, sondern ganz nüchtern: „Wenn es wieder passiert, dann ist das verdammt unangenehm, aber ich weiß, dass ich es einfach aushalten und überstehen kann.“ Wer keine Angst mehr vor der Angst und Panik hat, verliert auch die Angst vor der Angst. Man muss keine Situationen mehr meiden, weil man weiß, dass man die Panik notfalls überall einfach durchreiten kann. Das bringt Schritt für Schritt die verlorene Freiheit und die Lebensqualität zurück.
Umgang mit Rückschlägen
Auf dem Weg aus einer Angststörung heraus gibt es keine gerade Linie nach oben. Es wird immer Tage geben, an denen die Angst scheinbar grundlos zurückkehrt, an denen man eine Situation doch vorzeitig verlässt oder an denen die Verunsicherung wieder groß ist. Ohne Gelassenheit führen solche Tage sofort in die totale Selbstverurteilung. Man denkt, man habe alles wieder verloren und stehe wieder ganz am Anfang.
Solche Rückschläge hatte ich häufig, gerade in der Anfangsphase. Erst ging’s viele Schritte nach vorne, ich fühlte mich gut. Dann plötzlich der Rückschlag, und ich stellte alles in Frage. Je mehr ich mich selbst und die Situation verurteilte, umso schlimmer und heftiger kamen die Ängste zurück. Erst als ich das erkannte und mir ein Licht aufging, verbesserte sich vieles.
Gelassenheit bedeutet hier, milde und realistisch mit sich selbst zu sein. Ein schlechter Tag ist kein Rückschritt auf null, sondern einfach nur ein schlechter Tag. Das Nervensystem ist keine Maschine, die man einmal repariert und die danach fehlerfrei läuft. Es ist ein lernendes System, das Zeit braucht, um alte oder fehlerhfafte Verknüpfungen zu löschen. Wer einen Rückschlag gelassen nimmt, hakt ihn als das ab, was er ist: ein völlig normaler Teil des Prozesses. Man ärgert sich nicht über sich selbst, sondern macht am nächsten Tag einfach ganz normal weiter.
Was ich gelernt habe
Gelassenheit ist nichts, was man von heute auf morgen per Knopfdruck einschaltet. Es ist eine Fähigkeit, die man wie einen Muskel trainieren muss – vor allem in den Momenten, in denen die Angst am heftigsten ist. Es ist der Mut, die Angst zu akzeptieren und dem eigenen Körper zu erlauben, für einen Moment verrückt zu spielen, ohne dass man sofort eingreift.
Je öfter man diese Erfahrung des Zulassens macht, desto mehr verliert die Angst ihre Macht. Sie wird von einem bedrohlichen Monster zu einer lästigen Begleiterscheinung, die zwar auftaucht, aber deine Entscheidungen nicht mehr diktiert. Am Ende gewinnt man das Leben nicht zurück, indem man die Angst komplett vernichtet, sondern indem man lernt, trotz der Angst gelassen zu bleiben.
Sind Angst und Lebensfreude ein Widerspruch – Nein!
Du kannst trotz deiner Angststörung ein normales und glückliches Leben leben.
Hoffnung und Mut, Zuversicht und das nicht aufgeben – sind meine Erfahrungen!

